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Wednesday, September 9, 2015

Neidische Engel

Die Ulam-Spirale.
Alles ist endlich. Stell Dir eine unendliche Linie vor, zum Beispiel den Zahlenstrahl der ganzen Zahlen, und parallel dazu darunter einen endlichen Abschnitt.
Beziehungen enden, Menschen sterben, Drogen befriedigen nicht mehr. Danach gibt es noch ein Flimmern, ein Echo, ein Rauschen, aber das ist nicht real, sondern wie Signalfahnen auf der Mauer einer verlassenen Burg: Wenn der Wind weht, flattern sie mit, aber sie signalisieren nichts mehr.
Dies ist ein wesentlicher Bestandteil der Welt, er macht einen Teil der Essenz der Welt aus.

Aber was ist das Gute an der Endlichkeit?

Endlich zu sein, macht frei. Das ist der große Vorteil der Endlichkeit.
Stell' Dir vor, Du wärst ein Schlüsselmacher und Du würdest eines Tages, vielleicht aus Versehen, den perfekten Schlüssel herstellen. Der perfekte Schlüssel: Er ist wunderschön und öffnet jede Tür. Dann wäre Deine Schlüsselmacherei vorbei: Ab jetzt wärst Du gezwungen, nur noch den perfekten Schlüssel herzustellen (denn wenn es ihn gibt, dann wäre jedes sich-mit-geringerem-zufrieden-geben schäbig).
Nur dadurch, dass Du nicht den perfekten Schlüssel herstellen kannst (oder wirst), bist Du frei, ein Schlüsselmacher zu sein. Wesen, die diese Endlichkeit nicht haben, Engel und Roboter, beneiden uns, Menschen, darum.

Tuesday, September 8, 2015

Ist die Welt chaotisch?

Ist die Welt chaotisch? Chaotisch im griechischen Sinne: ungeordnet, grausam, zufällig, leer. Drei mögliche Antworten:
Walter Crane's Four Seasons Painting

1. Die heidnische Weltsicht

In allen heidnischen Religionen ist die (sichtbare) Welt der ultimative Horizont. Die Welt ist alles, was da ist. Das Ziel der heidnischen Religionen ist die Herstellung, beziehungsweise Erhaltung einer kosmischen Harmonie. Diese muss mühsam errungen werden, denn die Welt ist immer von Chaos bedroht. Man kann sich das tatsächlich so vorstellen, dass im Heidentum unsere Welt eine Insel der (mehr-oder-weniger) Harmonie in einem unermesslichen Ozean des Chaos ist.

2. Gnosis
Über ihre Wirkungszeit als aktive Sekte wirkt die Gnosis auch heute noch nach. Sie geht davon aus, dass die Welt, alles Materielle, von einer bösartigen, niederen Gottheit geschaffen wurde. Unsere Seele dagegen kommt von der höchsten Gottheit, ist in dieser Welt gefangen und wird nach dem Tod zu ihr zurückkehren.

3. Christentum
So verschieden Heidentum und Gnosis auch sind, sie haben eines gemeinsam: Sie gehen davon aus, dass es eine benennbare Struktur der Welt gibt. Im Christentum wurde die Welt von Gott geschaffen, aber sie ist sozusagen "leer". Weder wird sie von Quasi-Gottheiten bevölkert noch gibt es einen Bauplan, der irgendwie hinter der Welt liegt. Das bedeutet, dass die Welt "ontologisch offen". Der Mensch kann diese Öffnung ausnutzen, ist aber somit auch für die Welt, das Leben und das Materielle, verantwortlich. Ein Christ steht zur Welt weder pessimistisch noch optimistisch, sondern partiotisch: So wie ein Partiot zu seinem Land, um dessen Schwäche er weiß, an dessen Entfaltung er aber tätig mitwirkt.

Eine Welt, die weder intrinsisch heilig ist noch einen verborgenen Bauplan hat - ist das nicht eine sehr atheistische Sicht? 

Ja, klar. Aber Atheismus ist nicht notwendigerweise etwas schlechtes. Die ersten Christen wurden von den Griechen "die Gottlosen" genannt. Harter Atheismus hat sehr viel mehr mit hartem Christentum zu tun als beide etwa mit der Esoterik.
Beide treffen eine Welt an, die noch nicht einmal schlecht, sondern nur leer, unbestimmt ist. Der krasse Unterschied zwischen beiden ist, dass im Christentum der Mensch im Mittelpunkt steht und im Atheismus, irgendwie, am Rande.
Außerdem bleibt der Atheismus bei der Unbestimmtheit und Leere der Welt, wohingegen das Christentum davon ausgeht, dass die Welt einen Sinn hat (worin auch immer dieser bestehen mag).

Sunday, June 9, 2013

Semantisches Web

Der nächste große Trend im World Wide Web, und zwar in einer Liga wie das Web 2.0, ist das Semantische Web. Das heißt: Google und Konsorten versuchen, die Technik dazu zu bringen, zu verstehen, was die Worte bedeuten.
Momentan ist es so, dass Suchmaschinen et al. Worte als Black Boxes betrachten, mit denen man bestimmte Operationen durchführen kann (sie "durchdringen" das Wort also nicht, beziehungsweise verstehen den Sinn des Wortes nicht).
Google ist schon nahe dran, Wörter zu verstehen; wenn man mit GoogleMail eine eMail schreibt, das Wort "Anhang" verwendet und nichts anhängt, erscheint ein Dialogfenster: "Möchten Sie einen Anhang beifügen?". Google macht das über einen Eintrag in einer Datenbank, worin steht: "Wenn jemand das Wort "Anhang" verwendet UND keinen Anhang anhängt, DANN öffne das Dialogfenster."
Nun könnte man nach und nach für jeden Begriff so einen Befehl schreiben und auf diese Weise mit technischen Mitteln die Normalsprache abbilden.
Das Problem ist jedoch, dass dann die Datenbanken gigantisch werden (Big Data). Zu deren Verwaltung reichen die herkömmlichen logischen Verknüpfungen (die weiterhin mehr oder weniger auf der Boolschen Logik basieren) nicht mehr aus. Wie kommt man auf bessere? Die Semantik, als philosophische und philologische Wissenschaft könnte hier helfen. Die Frage ist also, ob die Theorie schon weiter ist als die Technik und falls ja: Wie man das nutzen könnte.
Man denkt oft (unnötig eingeschränkt) die Innovation nur aus der User-Perspektive. Besser wäre vom System aus Neues zu denken (um auf wirklich Neues zu kommen).

Bitte vergleiche auch hier, warum das bei der Kunst nicht funktionieren würde.

Sachen und Dinge

Derrida zufolge neigt das westliche Denken dazu, Hierarchien zu bilden. Klar sind Ideologien nicht so gut, aber ganz ohne Ideologien wären wir keine intelligiblen Subjekte mehr. Darauf wies schon Althusser hin.
Was der Philosophie und der Theorie generell ja oft vorgeworfen wurde, ist, dass sie sich nur um die Begriffe, nicht aber um die Dinge selbst kümmert. Adorno versucht zu bestimmen, an welcher Stelle sich die Begriffe und die Sachen treffen.
Zitat Adorno (Aus der Negativen Dialektik, Abschnitt "Entzauberung des Begriffs"): "Tatsächlich kann keine, selbst nicht der extreme Empirismus, die facta bruta, an den Haaren herbeischleppen [...] keine Einzeldinge in die Texte kleben." Niemand zweifelt ja daran, dass es so etwas wie Realität gibt und, nun, Begriffe sind Teil der Realität.

Tuesday, May 21, 2013

Ludwig Wittgenstein



Auf philosophischen Gruppenfotos fällt Ludwig Wittgenstein stets auf.
Es gibt eine Sache, die man wissen muss, wenn man Wittgenstein liest: Er hat eine frühe Phase und eine späte Phase und die beiden unterscheiden sich. Er unterscheidet sich in jeder dieser beiden Phasen massiv von dem Wittgenstein, der er in der jeweils anderen Phase ist. Zu jeder Phase gehört ein Buch: Zur frühen der Tractatus Logico-Philosophicus, zur späten die Philosophischen Untersuchungen.

Im Tractatus Logico-Philosophicus versucht Wittgenstein die einzelnen Elemente von Sprache und Wirklichkeit herausarbeiten und aufzuzeigen, wie sie sich aufeinander beziehen; er will beweisen, dass der logische Aufbau der Welt den logischen Aufbau der Sprache spiegelt (sogenannter Logischer Atomismus). Der Wittgenstein des TLP ist ein großer Fan vom Zurückgehen auf Grundbausteine. Das ist seine Methode und das meint er, wenn er zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben von Analyse spricht. Dahinter steckt eine Bevorzugung der Tiefe gegenüber der Oberfläche. Das kann man ihm nicht vorwerfen; das ist in Europa ein tiefsitzendes kulturelles Vorurteil; nämlich, dass Oberfläche etwas schlechtes und Tiefe etwas gutes sei. Ständig wurde in der Philosophie auf die "Tiefenstruktur" verwiesen: Im Strukturalismus, bei Chomsky, in der Tiefenpsychologie. Der frühe Wittgenstein würde sagen: Etwas zu verstehen, heißt, es zu analysieren: Also etwas, das sich unter der Oberfläche befindet, nach oben zu heben.

Der späte wird unter "Verstehen" etwas anderes, naja, verstehen. Nämlich: Verstehen als Besinnen. Für den späten Wittgenstein bedeutet Analyse das Gewinnen einer Übersicht. Darum geht es dann in den Philosophischen Untersuchungen. Da betont Witty nämlich die positive Bedeutung der Oberfläche. Damit meint er jetzt nicht, dass man sich auf die Oberfläche beschränken und nicht mehr unter die Oberfläche blicken sollte. Er weist nur bescheiden darauf hin, dass es hier offenbar ein Muster gibt, dem gemäß die Erkenntnis funktioniert. Die Frage, ob die Welt und Sprache wirklich aus kleinsten Einheiten zusammengesetzt ist, lässt Wittgensteinski einfach fallen.

Im TLP hat Wittgenstein den Eindruck, er hätte die Regeln der Logik entdeckt. Später ist er sich da nicht mehr so sicher. Präziser: In den PU stellt er fest, dass Regeln eine gesellschaftliche Praktik sind. Also etwas, das sozial konstruiert wurde. Die soziale Praxis ist damit das Primäre. Aus dieser Perspektive fragt er nun, welchen Stellenwert Logik haben soll, wenn auch ihre Regeln nicht universell gültig, sondern konstruiert (eben nur eine Möglichkeit) sind.

An dieser Stelle wirft Habermas ihm vor, dass das Setzen von gesellschaftlicher Praxis als Begründung von Regeln auf Willkür und Beliebigkeit hinausläuft. Ja, ist halt so, sagte Derrida später, die Alternative ist entweder Logozentrismus ("Die harten Regeln der Logik sagen uns, wie's is'") oder Unverständlichkeit ("Wir haben unsere Regeln - andere haben andere - es spielt keine Rolle").

Manchmal ist Wittgensteinewitsch etwas vernagelt, beziehungsweise er stellt etwas eigentlich ganz banales als große Erkenntnis dar. Zum Beispiel, wenn er feststellt, dass es einen Gegensatz zu geben scheint zwischen dem Wesen der Sprache und dem Alltagsgebrauch  der Sprache. Er identifiziert eine essentialistische Interpretation dieser Beobachtung ("Es gibt den Kern/Informationsgehalt eines Satzes und darum herum liegt so eine Art Wortnebel, den es zu lichten gilt") und eine anti-essentialistische ("Es ist nicht möglich, den objektiven Kern eines Satzes auszumachen"); entscheidet sich aber nicht für die eine oder andere, sondern versucht, die beiden in eine Art Dialog treten zu lassen.

Kann man sagen, dass der späte Wittgenstein ein Phänomenologe ist? Auf jeden Fall interessiert er sich mehr für das Phänomen selbst, statt etwa für seine Struktur. Das als philosophisches Forschungsprogramm auf Deutsch durch zu ziehen, ist nicht einfach: Im deutschen Wort "Erscheinung" steckt ja schon der Platonismus. Etwas er-scheint (das heißt, die Erscheinung ist nicht das nicht-scheinende, also nicht das echte).

Ein Beispiel: Den Sinn einer Kurbel begreift man nicht, indem man die Kurbel analysiert, sondern nur, wenn man die Maschine als Ganzes betrachtet.

Der späte Wittgenstein würde (und zwar im Gegensatz zu Carnap) nicht Heidegger verbieten, sondern nur sagen, dass man mit ihm vorsichtig sein muss. Eine gänzlich logische Sprache wäre lebensunfähig - dass unsere Umgangssprache unlogisch ist, macht unsere Kultur möglich. Das ist auch ganz wichtig, festzuhalten: Der späte Wittgenstein verbietet Analyse nicht, er findet sie nur nicht als zur Wahrheitsfindung absolut unabdingbar. Eine Richtigkeit der Analyse orientiert sich nicht an einem "Wesen" des Dings. Die logische Analyse tut so, als würde sie nur etwas zerlegen, tatsächlich erzeugt sie etwas, bei der Analyse werden die zu analysierenden kleinsten Teilchen erst hergestellt. Der Irrtum des TLP lag darin, zu glauben, alles sei analysierbar nach der Weise des zu reinigenden Kristalls.

Wittgenstein ist nicht grundsätzlich gegen die Frage nach dem Wesen (vgl. PU #92); man müsse sich nur immer des Kontextes klar sein. Man kann nicht unterstellen, dass überall ein Kristall, bzw. ein Wesen drin ist. Wittgenstein sagt nicht, dass die logische Analyse falsch ist, sondern dass sie kontextualisiert werden muss. Wittgensteins Lösung ist, dass wir einfach schauen, wie Sätze tatsächlich funktionieren (statt darauf, wie sie funktionieren sollten).

Wittgenstein fühlt sich von dem großen Käfer ein bisschen eingeschüchtert (Metapher für verdrängte Homosexualität?).Es gibt keine Hierarchie der Worte.
Alle Worte sind gleichwertig.

Die PU sind nicht unbedingt leicht zu lesen. Man fragt sich oft, warum er nicht einfach sagt, was er meint: Titten auf den Tisch! Wittgensteinenstein ist jedoch der Ansicht, dass Dinge, um die es ihm geht, nur in der Bewegung des Denkens erfassbar sind. Man kann sie nicht nennen; man kann nur reden und dann ist ein bestimmter Aspekt des Aktes des Redens das, worum es ihm geht. Deswegen kann man seine (späten) Texte auch nicht ohne weiteres auseinanderfrickeln und dann Lexikon-Eintrag-mäßig anordnen: Dann ginge was verloren.

Damit steht er in einer Reihe mit Philosophen wie Platon oder eben Derrida, dieser Partynase. Die beide schreiben Dialoge oder dialogartige Texte, weil sie wollen, dass der Leser selbst denkt. Bei Witty ist der Focus ein bisschen anders: Er glaubt, dass, je nachdem, von wo aus man blickt, dieses oder jenes die Wahrheit ist. Das Dialogische bei Wittgenstein kommt außerdem daher, dass er immer versucht, die Position seines Gegners mitzudenken.
Dabei ist das mit dem Gegner so eine unklare Sache. Es ist keineswegs klar, wer sein Gegner ist und wogegen Wittgensteinski da gerade eigentlich anschreibt.
Gilt übrigens auch für Derrida.





Sunday, November 11, 2012

Kunst ist ein Alien

Ich fange am Besten in der Mitte an: Der Plan ist der, eine Datenbank zu entwerfen, die die gesamte Kunst umfasst. Alles soll so einfach wie möglich gehalten werden; der Plan kommt mit lediglich zwei Axiomen aus:
  1. Kunst ist identisch mit der Gesamtheit der Kunstwerke. 
  2. Kunstwerke lassen durch Schlagwörter komplett identifizieren.
In der Datenbank wird jedes existierende Kunstwerk eingetragen und eindeutig verschlagwortet. Die Schlagwörter sind: Entstehungsjahr, Farben, Künstler_in, Größe et cetera. Die Menge der Schlagwörter ist endlich. Die Schlagwörter können Wörter, aber auch einfach Zahlenangaben sein - wie das etwa beim aktuellen Forschungsprojekt von Martin Warnke der Fall ist.
Die Verschlagwortung läge über der Kunst wie ein Netz; manche Stellen des Netzes wären stärker ausgelastet, andere weniger. Proaktiv ließe sich dazu nutzen, Kunst zu generieren, die es noch nicht oder kaum gibt (indem man die Datenbank nach Kombinationen von Schlagwörtern durchsucht, die wenig auftauchen).

Doch irgendwie stimmt hier etwas nicht: Warum hätte man mit der Datenbank Kunst nicht begriffen (im hegelschen Sinne)? Die Datenbank hat eine mit Wittgensteins Tractatus vergleichbare Stoßrichtung. In diesem untersuchte Wittgenstein das Verhältnis von Sprache und Wissen und stellte die Forderung nach einer bijektiven Abbildbarkeit auf. Diese lässt er in seinem späteren Werk fallen, als ihm klar wird, dass weder Sprache noch Wissen statisch sind, sondern sich mit dem Gebrauch ändern. Bezogen auf die Kunst-Datenbank stellt sich nun die Frage nach der Gültigkeit des oben genannten ersten Axioms: Ist Kunst wirklich mit der Gesamtheit aller Kunstwerke identisch.
Warum sollte sie es nicht sein? Was da der Unterschied? Was ist das Surplus, dass die Kunst zu mehr macht als nur "alle Kunstwerke zusammen genommen"?

Offensichtlich lässt sich dieses Surplus nicht ohne Weiteres fassen. Oder vielleicht doch; zunächst über eine Analogie: Ließe sich das menschliche Leben (in seiner nicht-biologischen Dimension)* datenbänkerisch analysieren? Lacan sagt dazu, dass etwas übrig bliebe, wenn man alle sozialen Regeln, geschriebene wie ungeschriebene, und alle Imaginationen identifiziert hätte. Das, was übrig bleibt, dieses je ne sais quoi, nennt er das Reale.

Jetzt lässt sich der Plan vom Anfang auch besser begreifen: Nicht als Versuch, die Unordnung aus der Kunst zu eliminieren, sondern das Widerständige und Pulsierende darin.
Kunst soll Schachbrett sein, nicht Alien.

Was ist aber mit Datenbank-Versuchen, bei denen es anscheinend geklappt hat? Zum Beispiel mit Athanasius Kircher, dem vorletzten Menschen auf der Welt, der alles wusste? In seinem Denksystem war tatsächlich alles enthalten: Kein Thema, mit dem er sich nicht beschäftigt hat. Wie Michel Foucault in "Die Ordnung der Dinge" dargelegt hat, war Kirchers Trick der, sich auf die Ähnlichkeiten zwischen den Dingen zu konzentrieren, statt zu versuchen, sie in eine Tabelle oder ein Schema zu zwängen. Anders ausgedrückt: Was Kircher entwarf, war ein System, aber keine Datenbank. 

Nun zu Hegel, dem nunmehr allerletzten Menschen in der Weltgeschichte, der ehrlich von sich behaupten konnte, alles zu wissen. Sein System war inhärent dynamisch: Alles darin strebte zum Idealzustand. Dieser wiederum war mit einem Selbst-Bewusstsein ausgestattet. Zurück zur Kunst: Eine Kunstwerk-Datenbank kann nicht deskriptiv, sondern muss, um nicht defizitär zu sein, normativ ausgerichtet werden - sie muss darauf angelegt sein, die Kunst weiterzubringen. 








* alles andere würde das Gedankengebäude allzu verkomplizieren

Sunday, December 4, 2011

Die Tücke des Subjekts III - Heidegger, my love

Zizek, Slavoj: Die Tücke des Subjekts. 
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Frankfurt a. M. 2001.
1. Auflage.

S. 16 Gemeinhin wird die Heideggers Dekonstruktion der Metaphysik (insbesondere die der Subjektivität) als wichtiger philosophischer Fortschritt anerkannt. Zizek weist unter Bezugnahme auf Habermas darauf hin, dass dies die Widerstandsmöglichkeiten des Subjekts untergräbt und letztlich in den totalitären Schrecken des 20. Jahrhunderts mündet.

S. 17 Heidegger beruft sich in seiner Dekonstruktion auf Nietzsche. Dieser habe bereits den sich als Zentrum des Universums setzenden Menschen als Wahn und Unsinn kritisiert, sei dabei (so Heidegger so Zizek) immer noch "im Horizont der cartesianischen Subjektivität verblieben".

S. 23 Heidegger selbst würde sagen, dass er nicht über Politik spricht, sondern über Metaphysik, ein denkbar unpolitisches Thema. Doch laut Zizek funktioniere Ideologie immer darüber, dass sie auf einen nicht-ideologischen Kern verweise. Dieser (im Falle Heideggers: die Metaphysik des Subjekts) sei geradezu der Motor* der Ideologie. 

S. 25  Heidegger zufolge ist die existierende Welt keine Wohnstatt des Menschen, kein Zuhause und keine Heimat. Die Subjektivität des Menschen, der spezifische Zustand seines Seins in der Welt ist der des "Aus-den-Fugen-seins", des "Abgrunds" und "Herausstands". Daher schließen sich Exzess und Alltagswelt nicht aus, im Gegenteil: Die Alltagswelt ist die exzessive Entscheidung dafür, als Mensch, ex-zentrisch, zu leben.
S. 27 Das Problem bei Heidegger sei nur, so Zizek, dass dieser ignoriere, dass man die jeweils eigene Art der Exzentrizität nicht frei wählen kann, sondern immer in bestimmten, festgelegten sozialen System verankert ist (das, was Lacan "das Symbolische" nennt).  

*
mein Ausdruck - A.G.R. 

Die Tücke des Subjekts II - Genuss und Autorität

Zizek, Slavoj: Die Tücke des Subjekts. 
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Frankfurt a. M. 2001.
1. Auflage.

S. 10 Das Gesetz des Vaters sei der Garant des Genusses. Ohne die autoritäre Stimme in der Welt könne es keine Lust geben; dies behauptet Zizek mit Verweis auf Lacan. Der Preis für das gegenwärtige prinzipielle in Frage stellen jeder Autorität sei daher nicht der Verfall der Sitten, sondern die Abnahme der Genussfähigkeit. Daher auch Zizeks Sympathie für den Katholizismus. 

Die Tücke des Subjekts I - Cogito

Zizek, Slavoj: Die Tücke des Subjekts.
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Frankfurt a. M. 2001.
1. Auflage.


S. 8 Es ginge nicht darum, zu einem vor-kritischen Begriff von Subjekt zurückzukehren: Einem sich selbst transparenten, klar abgegrenzten, innerem Ich oder Ich-Kern. Das Ziel des Buches ist vielmehr, die verborgene, vergessene, verdrängte exzessive Seite des cartesianischen Subjekts herauszuarbeiten. S. 10  Auf Heidegger und auf Kant zurückgreifend, macht Zizek in der Einbildungskraft ebendieses exzessive Moment des Cogito aus. 

Thursday, January 6, 2011

Morpheus' Brille

Was ist ein Traum? Zwei Antworten sind im Umlauf:
1. Im Traum passiert mehr oder weniger das gleiche wie im Wachleben – nur woanders.
2. Im Traum finden prinzipiell andere Ereignisse statt als im Wachleben.


Zur ersten Deutung gehören Trauminterpretationen à la „Im Traum bereisen wir eine parallele Welt“ oder „Im Traum entfaltet sich unser wahres Selbst“: Grundsätzlich Dinge, die man auch wachend durchführen kann.

Die neuesten Ergebnisse der Schlafforschung belegen die Richtigkeit der zweiten Deutung. Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Schlaflabor-Probanden, die geweckt wurden, sobald sie begannen zu träumen (wann dies stattfindet, lässt sich anhand der Beobachtung von Hirnströmen feststellen), anschließend große Probleme damit hatten, sich an die Ereignisse vor dem Zu Bett gehen zu erinnern. Träume spielen also bei der Bildung von Erinnerung eine Rolle.

So ist auch die alte Frage, warum man sich nicht an seine Träume erinnern kann (es sei denn man träumt unmittelbar vor dem Erwachen), gelöst: Wenn man Träume mit etwas aus dem Wachleben vergleichen sollte, dann mehr mit dem Akt des Erinnerns selbst, als mit etwas, woran man sich erinnert.

Ein Bild zur Verdeutlichung: 

Stell Dir vor, Du wärst so kurzsichtig, dass Du ohne Deine Brille nichts, gar nichts sehen kannst. Von Zeit zur Zeit geht Deine Brille kaputt. Zufällig befindest Du Dich jedesmal, wenn die Brille zerbrochen ist, in der Nähe einer Brillenwerkstatt. Du gehst hinein und wirst – blind wie Du bist – von einem freundlichen Mitarbeiter hereingeführt und unterhalten, während jemand anderes Deine Brille repariert. Du bekommst sie zurück und verlässt die Brillenwerkstatt.

Das Kaputt-Gehen der Brille entspricht dem Einschlafen, die Werkstatt dem Schlaf, die Reparatur dem Traum, die Dunkelheit dem fehlenden Erinnern. Man kann sich nicht an die Zeit in der Werkstatt erinnern (man sieht dort nichts), weil das, womit man sich erinnert (womit man sieht) dort erst hergestellt wird. Alles, woran man sich erinnert, sind die Traumereignisse kurz vor dem Aufwachen: Wenn man die Brille schon zurück bekommen hat, sich aber immer noch in der Werkstatt befindet. 


Ein weiterer Grund, warum wir uns nicht an unsere Träume erinnern, wird nun deutlich: Man erinnert sich sowieso nie an die Geschehnisse in ihrer nackten Faktizität; Menschen sind nun mal keine Videokameras, die emotionslos aufzeichnen, was sie sehen und es dann genau so abspielen können. Was am Tag passiert ist, wird in unserer Erinnerung geglättet, logisch gemacht und so lange angepasst, bis es in unser Weltbild passt. Die gemilderte Erinnerung ist das Ergebnis des Traums, im Traum selbst muss das Erfahrene aber zunächst ungefiltert, in seiner ganzen Brutalität und Ehrlichkeit vom Brillenschmied angefasst und in allen Teilen einzeln beurteilt werden. Dies kann traumatisch sein. Dadurch, dass wir uns nach dem Aufwachen nicht mehr daran erinnern müssen, erspart uns unser weises Inner-Ich die Begegnung mit dem Realen.

Thursday, December 30, 2010

Gib mir ein Zeichen, Herr!

Die Linien auf der Hand, das Sternenbild, unter dem wir geboren wurden, die Zahl, die uns immer einfällt, die Tarotkarte, die wir stets als erstes ziehen: Zeichen der Zukunft, so die zeitgenössische Esoterik, und Zeichen, die die Wahrheit über unser Selbst verraten. Die Zeichenlehre des New Age ist jedoch nicht falsch, sondern irreführend, insofern als sie eine bestimmte Frage ausschließt, nämlich: Was ist kein Zeichen?

Man muss lange überlegen, bis einem etwas einfällt, das kein Zeichen ist (Werbung in der Post, Zahnschmerzen, Tapetenmuster). Und zerrinnt es, kaum dass man länger den Blick darauf richtet: Alles ist ein Zeichen (und sei es für Konsumobssesion, die Materialität des Menschen und seine abnehmende Bissigkeit - und wer kann garantieren, dass man im Tapetenmuster, systematisch suchend, nicht doch eine Botschaft fände?).

Sobald der erste nackte Affe sprechen konnte, sprachen die Dinge zurück: Alles murmelt.
Jeder Gegenstand, an dem ich auf dem Weg vom Aldi in die Bibliothek vorbeifahre, kann mir etwas mitteilen, wenn ich ihm zuhören will. Nicht nur Plakate, die auf Konzerte und Konzerne verweisen, sondern auch Bäume ("Sprich mir vom Alter, Bruder Baum"), Straßen ("Geh mit mir, Weg"), Wolken ("Der Schlittschuhläufer auf einem gefrorenen Himmel hinterlässt eine Schrift im Wolkenalphabet") und Zivilisations-Krimskrams.

Chaos, Information-Overkill, nah an Schizofrenie. Wie also sinnvoll Zeichen setzen?


Das Gegenteil von Information ist nicht Unordnung, sondern Zufall. Indem man die primären (grundsätzlichen, zB "Sonne bedeutet Stärke", im Gegensatz zu sekundären Zeichen, zB "Sonnenfinsternis bedeutet Schwächeanfälligkeit") Zeichen mit einer zufälligen Bedeutung belegt, überlistet man das unendliche Murmeln der Symbole. Zufällig, ohne mir etwas dabei zu denken, lege ich fest, dass die Zahl 2 für den Mann steht und die Zahl 3 für die Frau. 

Daher ist der Vorwurf gegenüber der katholischen Kirche, sie halte an zufälligen und/oder historisch gewordenen Riten und Symbolen fest, falsch: Genau dadurch, dass sie das tut, macht sie ebendiese Zeichen für den Menschen heilig. Für Gott ist das Kreuz kein heiligeres Sinnbild als ein Dreieck oder das Batman-Symbol. 

Wednesday, December 15, 2010

Für genau eine Kippe

In der Simpsons-Folge „Lisa the Skeptic“ verkündet ein Engeln den Bewohnern Springfields, dass die Welt am Folgeabend um zwanzig Uhr untergehen wird. Warum ausgerechnet um 20:00 Uhr? 

Die Uhrzeit ist ein beliebig austauschbares Element, aber diese Beliebigkeit selbst ist nicht austauschbar, sondern 
entscheidend für unseren Begriff von Weltende/Apokalypse. Den genauen Umständen der Apokalypse wohnt stets etwas Zufälliges inne. Darum geht die gängige Kritik an der (grob missverstandenen) Maya-Prophezeiung, die Welt würde 2012 enden, (nämlich „Warum ausgerechnet 2012 und nicht früher oder später?“) an der Sache vorbei: Jedes festgestellte Datum (und jede Uhrzeit) der Apokalypse ist zwingend kontingent. 

Wenn man im Flugzeug die Durchsage

„Liebe Fluggäste, wie Sie vielleicht bereits gemerkt haben, sind nun auch unsere Ersatztriebwerke ausgefallen. Wir werden in zwischen neunzig Sekunden und zwei Minuten in einem Flammen-Inferno auf dem Erdboden zerschmettern, bedanken uns für Ihren Flug mit xy und wünschen Ihnen eine gute Zeit in einem eventuellen Nachleben“ 
hört, so ist diese Situation eben nicht mit dem Weltende vergleichbar, weil hier die verbliebene Zeit determiniert (und damit das Gegenteil von 'zufällig', nämlich 'sinnlos') ist.
Zwei Minuten, das reicht für eine hastig gerauchte Kippe.

Das konventionelle Apokalypse-Verständnis ist also naiv. Wie nehme sich ein den tatsächlichen Gegebenheiten angemesseneres Welt-Ende-Bild aus?
Folgen wir Walter Benjamin und stellen fest, dass das Unglück-am-Ende-der-Zeit nicht darin besteht, dass die Kontinente in das lava-öse Erdinnere abrutschen, sondern dass es so weiter geht wie bisher - das ist die Katastrophe.

Dass sich nichts ändert, sondern das falsche Leben weitergelebt wird, um jeweils ein neues Kalenderjahr end-los verlängert, ist, der das wahre Leben, die Heimkehr der Seele zu den „unsterblichen Landen westlich des Meeres“, verhindernde Notstand.

Daher rettet uns weder ein Held noch nachhaltiges Wirtschaften vor dem Untergang der Welt. Das einzige Mittel, die Apokalypse abzuwenden, ist der Griff zur Notbremse.


Friday, November 26, 2010

Wie groß war Jesus wirklich?

As a robot living among humans, I've never really felt accepted at parties or nude beaches. So I've always secretly wondered... what if I was five-hundred feet tall? 
Bender in: 
„Futurama: Anthology of Interest I“ (2000) 

In einer Kleinstadt in Westpolen hat ein einfacher Pfarrer genug Geld gesammelt, um damit die größte Jesus-Statue der Welt zu bauen. Der Vatikan regierte verhalten. Sagte nichts dagegen, enthielt sich aber auch sonst eines Kommentars, noch nicht einmal ein „Gut gemacht, Jungs“ kam aus der Ewigen Stadt.

Kein Wunder, denn selbst zwischen den eh traditionell stark nach Heidentum schmeckenden Gesten des katholischen Bodenpersonals in ultramontanen Staaten (Italien, Irland, Polen et cetera) sticht die Statue in ihrer Unchristlichkeit heraus.

Meister, Lehrer, Rabbi Jesus: Was von der Bevölkerung Judäas um das Jahr Null herum erwartet wurde, war ein göttlicher Krieger, ein Messias, der mit flammenden Schwert die römische Besatzungsmacht zerbricht und ein israelisches Großreich nach davidischem Vorbild errichtet.

JC jedoch war eine äußerlich unscheinbare Gestalt mit relativ unspektakulären Superkräften (etwa verglichen mit Spiderman): Ein Zimmermann aus Galiläa. Seine Botschaft (Gewalt wird überbewertet, Schwerter und Kronen auch; wichtig sind Glaube, Hoffnung, Liebe und diese drei sind im Herzen, nicht in Tempeln) stand im krassen Widerspruch zu der gängigen Vorstellung davon, was ein Christus zu sagen haben sollte und war dermaßen provozierend, dass seine „exegetisch überforderten“ (Hans Conrad Zander) Zuhörer ihn hinrichten ließen. Zum ersten Papst machte JC einen Fischer: Petrus, sein erster Prophet war ein Zeltmacher: Paulus. Dabei kannte JC auch Hohepriester, römische Generäle und jüdische Helden (Zeloten).

Zweitausend Jahre später ist der Wunsch nach klassischer, vorchristlicher Erhabenheit groß. Wie schön wäre es doch, einen bärtigen Odin, einen mächtigen Thor, einen blutrünstigen Vishnu oder auch nur einen arroganten Zeus als Gott zu haben - statt eines Gottes, der so menschlich, so allzu-menschlich, uns so furchterregend ähnlich ist.

Wednesday, November 17, 2010

Der nächste Highlander

Dass Medizin und Forschung das Lebensende stetig nach hinten verschieben, bekräftig das gängige Urteil, Unsterblichkeit sei der auf für immer verschobene Tod. Durch die gleichzeitige Demonstration der prinzipiellen Wertlosigkeit menschlichen Lebens im neoliberalen System (etwa durch Genozide an Orten, die uns sowieso gleichgültig sind und Kindstod in Sweatshops) wird die Frage nach der Unsterblichkeit brennend relevant. 

Vieles spricht dafür, Unsterblichkeit nicht als Fortdauern des Selbst über den Tod hinaus zu begreifen, sondern in der Überzeitlichkeit des Jetzt. Wenn ich nicht halb in der Vergangenheit und halb in der Zukunft, sondern stets, mit voller Intensität, in der Gegenwart lebe und mich dieser stelle, wird das Leben von 
der Geschichte meines sich verändernden Ichs 
zum 
Überzeitlichen Jetzt, das nie vergeht und immer anders ist. 
Daher betonen christliche Mystiker die Bedeutung dieser Welt als Ort der Wirklichkeit Gottes (und nicht das Jenseits oder eine andere Welt). So streicht Meister Eckhart, dass Gott die Welt in jedem Augenblick erschaffe; nicht bloß bei der Schöpfung oder vielleicht noch beim Harmagedon ein weiteres Mal).

Wer wäre dann unsterblich? Ein treffendes Beispiel ist der Doktofisch Dorie aus „Findet Nemo“ (2003). Als einzige Figur in dem Film (und allen anderen Filmen), lebt sie ganz im Augenblick. Da Gegenwart und Zukunft für sie keine Rolle spielen, hat sie keine Möglichkeit schützende oder einschließende Filter um sich herum zu errichten, welche die Fülle und Forderung des Moments dämmen oder abmildern würden. Außerhalb der Zeit stehend, ist jeder Abschnitt ihres Lebens aufgehoben und allen anderen ohne Groll oder Bedauern gleichberechtigt. Ihr Tod wäre für sie subjektiv (und das ist die einzig relevante Betrachtungsweise, insofern als objektives Leben und objektiver Tod auch für bewusstseinsloses Leben gilt – aber nur für „beseeltes“ Leben eine Rolle spielt) nicht das Ende einer Linie, sondern nur ein weiteres Jetzt von spezifischer Intensität.
Lernen wir also („sprach Zarathustra“) wie Dorie zu fühlen.

Monday, November 8, 2010

Vom Regen in Italien

Woher kommt eigentlich das Sprichwort „Einem Polen schadet der Regen nichts"? Wenn polnische Kinder meckern, dass die Autofahrt zu lang, der Kakao zu kalt oder der Pulli zu kratzig ist, bekommen sie von ihren Müttern (seltener von ihren Vätern) gelegentlich obigen Satz zu hören.

Er stammt aus einem Gespräch zwischen den beiden alliierten Befehlshabern Bernard Freyberg und Wladyslaw Anders bei der Schlacht von Monte Cassino. Freyberg konnte kein Französisch (geschweige denn Polnisch) und Anders (zu dem Zeitpunkt noch) kein Englisch. Sie konnten aber beide Deutsch: Freyberg hatte es von seinem Vater und Anders von seiner Mutter gelernt. So kam es zu der absurden Situation, das bei einer der entscheidenen Schlachten im Zweiten Weltkrieg zwei alliierte Generäle sich auf deutsch verständigten.

Laut der Legende soll es stark geregnet haben. Freyberg stand unter einer Überdachung, Anders ein wenig davor. Anders stand im Regen, hatte aber dafür einen besseren Überblick auf das Kampfgeschehen. Freyberg soll ihn schließlich (auf deutsch) gefragt haben, ob er sich nicht lieber unterstellen wollte, die Sicht sei vom Unterstand immer noch recht passabel, woraufhin Anders antwortete:

„Einem Polen schadet der Regen nichts."
Womit er ausdrücken wollte, dass den Polen (wie er einer war) schon so viel Schlimmes widerfuhr, dass der Regen sein geringstes Problem sei.

Dieses Sprichwort war unmittelbar nach dem Krieg sehr populär, geriet jedoch in Vergessenheit, als Anders im Sozialistischen Polen zur persona non grata erklärt wurde. Über die Vermittlung der polnischen Exilanten in England blieb es trotzdem im Bewusstsein (Ryszard Kaczorowski - der selbst an der Schlacht von Monte Cassino als gemeiner Feldsoldat teilnahm und der gerade geschilderte Anekdote überlieferte; siehe zum Beispiel http://www.prezydent.pl/nasz-kraj/historia-prezydentury/prezydenci-na-uchodzstwie/- erwähnte sie gerne) und erlebt zurzeit unter polnischen Intellektuellen eine kleine Renaissance.

Friday, September 17, 2010

Hunnensturm


Franics Bacon zeichnet Körper, die aus ihrer Körperlichkeit heraustreten; sie wirken zerstört, beschädigt, demoliert. Sie sind jedoch nicht Körper, sondern Seelen, bestimmte Seelen: Die Art von Seele, die uns fehlt. 

Ihren Kritikern bietet die im Sterben liegende Psychoanalyse vielfältige Einfalltore: die nicht falsifizierbare Instanzenlehre, die banale „psychosexuelle Entwicklung“, die überbewerteten Fehlleistungen. Ein Punkt wird aber immer wieder besonders herangezogen, wenn es um die vulgäre Falschheit der Psychoanalyse geht: Der sogenannte Ödipuskomplex. Tatsache ist, dass ihm kein empirisches Faktum entspricht: Alfred Charles Kinsey konnte in der groß angelegten Studie Sexual Behavior in the Human Male bereits 1948 nachweisen, dass Inzest auch für die Verhältnisse sexueller Perversionen ausgesprochen selten auftaucht - vom jüngeren Part ausgehender Inzest gar nicht. Doch eine solche Herangehensweise verfehlt den entscheidenden Punkt.

Denn beim Oedipuskompex geht es um die Konfrontation mit dem Lacanschen Realen. Der Therapeut will, dass man sich etwas Furchtbares (wobei die Fatalität nicht nur am Akt selbst liegt, sondern gerade daran, dass die Psychoanalyse verlangt,
dass man es will) vorstellt und ins Innerste seines Selbst stellt. Es ist offensichtlich falsch, ausserdem anstößig und obszön. Doch der psychoanalytischen Anweisung zu folgen bedeutet, über seinen Schatten zu springen. Und das ist es, was uns fehlt.

Ein Beispiel aus dem Märchen:
Peter Schlemihls wundersame Geschichte von Adelbert von Chamisso. Schlemihl schließt einen Pakt mit dem Teufel. Alle Wünsche werden ihm erfüllt, er lebt in Reichtum und Zufriedenheit. Das einzige, was der Teufel im Gegenzug verlangt, ist Schlemihls Schatten. 
Uns geht es genauso: Wir wollen in Wellness und fit-gesundem Glück leben; was uns dabei verloren geht, ist die Fähigkeit, über unseren Schatten zu springen, ja, wir vergessen sogar, dass es diese Möglichkeit überhaupt gib.

Statt sie zu formen, verhätscheln wir unsere Seele. Was uns fehlt, ist ein Hunnenstrum.

Friday, September 3, 2010

Tolkien, der Katholik

Über post-secular thought in den Feuilletons und "irgendwie glaubt jeder"-Binsenweisheiten auf Kalenderblättern ist der tatsächliche Unterschied zwischen Heidentum/New Age und Christentum im kollektiven Bewusstsein verloren gegangen.

Die heidnische Welt ist gekennzeichnet durch Ordnung und Harmonie (oder Tao). Alles hat einen (und nur einen) Platz und eine Funktion. Der Kosmos funktioniert, weil sich seine einzelnen Teile in ein harmonisches Ganzes fügen und darin sich ihrem Schicksal ergeben. Böses entsteht, wenn ein Einzelner sich nicht fügt und gegen seinen Platz aufbegehrt: Sauron will Herr über Arda, Miltons und Dantes Satan will nicht "zweiter im Himmel" sein. Der Raum für Heldentum befindet im Kampf um die Wiederherstellung der ursprünglichen Ordnung: Dass das Zeitalter der Elben trotz Aragorns Sieg unwiederbringlich vorbei ist, ist einer der Gründe für die große Melancholie, die "Herr der Ringe" durchzieht.

Der wesentliche Punkt am Christentum ist die Durchkreuzung der kosmischen Ordnung und die provozierende Parteinahme für den Einzelnen. Der ist es, auf den sich die
Goldenen Regel und damit das ethische Hauptgebot der Evangelien bezieht: Laut Markus, Lukas und Co sollen wir uns um den langweiligen, menschlichen Nächsten sorgen, nicht um die Harmonie der Sphären.

Dank der Gnade Gottes kann jeder zu Gott aufsteigen, unabhängig von gesellschaftlicher Stellung, Geschlecht oder
Rasse. Für Paulus gibt es jedoch keine göttliche Ordnung, die Welt ist wie sie ist, ohne Geheimnis, ohne dahinter stehenden tieferen Sinn, es gibt nur das Leiden, die Nächstenliebe und die Gnade. Darin ähnelt das Christentum dem Buddhismus, der sich in ähnlich radikaler Weise über das hinduistische Kastensystem hinweg gesetzt hat.
Beides, das Fehlen eines geheimnisvollen Plans hinter der Welt der Erscheinungen (der durch etwa die Magie der Eingeweihten oder die Kabbala gelüftet werden könnte) und das Angewiesen Sein auf den singulären Akt des göttlichen Gnade Waltens ist für uns Zeitgenossen schwer schluckbar.


Unsere gesellschaftliche, westliche Struktur mit ihrem sinnlosen Reißzahn-Kapitalismus braucht die Vorstellung einer gerechten Anders-Welt. Gleichzeitig kränkt uns die Idee eines
großen Anderen, der uns heilig machen kann.

Die ursprüngliche Botschaft der Evangelien und der paulinischen Briefe ist das störende Sandkorn, um das sich die polsternde, schön anzuschauende Perle des Heidentums bildet. Schon die "Göttliche Komödie" und die Artus-Sage schrieben pagane Vorstellungen wieder in den christlichen Korpus hinein. Achsenpunkt zwischen beidem ist William
Blake, der meinte, Satan sei der eigentliche Held des paganisierten Christentums à la Paradise Lost.

Erwachsen Lieben

Beim Zappen durch Musik-Videos fällt auf, dass das, was mal harmlos und großväterlich bei MTV mit tanzenden Frontmännern, Kamerafahrten durch Großstädte und Zoom auf Bass-Seiten von Bill Wyman angefangen hat, mittlerweile die Grenze zur (natürlich nur ironisch gemeinten, ironisiert dargestellten) Pornographie lässig überschritten hat.

Wenn aus Katy Perrys Mammae stoßartig literweise Sahne hervorkommt, ist das obszön, aber nicht erotisch. Denn Erotik gibt es nur zwischen Menschen, doch Aufmachung (Make-Up, Haare, Kleidung) von Katy und Co macht allzudeutlich: Was hier gezeigt wird, wer hier tanzt, sind nicht Menschen, sondern hübsche Puppen.

Die Puppe als ideale Frau ist ein uralter Männertraum. So mündet auch Blade Runner in der Darstellung des weiblichen Androiden, in den sich Han Solo verliebt. Hübsch, unterwürfig, still, folgsam, anspruchslos, aseptisch: Dieses Ideal finden Männer nicht in der Realität, lassen aber genauso wenig davon ab, sondern erhoffen/erträumen sich die perfekte Roboterfrau, also: Eine Puppe.

Das Komplement dazu ist der pseudo-freudianisch pseudo-weibliche Wunschbild von idealen Mann als "wilder Kerl": Daher der große Erfolg von Peter Hoegs Die Frau und der Affe, in der die Protagonistin Marlene genußvollen Geschlechtsverkehr mit einem Affe pflegt. Fern davon, die schlüssige Konsequenz aus vermeintlicher Verweiblichung von Männlichkeiten in der Gegenwart zu sein, ist der Wilde Kerl der Traum des kleinen Jungen, der jeder Mann einmal war.

Dass es selbst im pornographischen Diskurs unmöglich ist, sich die Kopulation einer Puppe mit einem Affen vorzustellen, zeigt, dass es letztlich keinen Umweg um die verhasste-gefürchtete erwachsene Liebe zwischen zwei Menschen, echt-Frau, echt-Mann, gibt.

Thursday, September 2, 2010

"Sei Kerze: Brenn von beiden Seiten"

Aus den Glücks-, Lebens-, Perspektiven- und Wohlfühlbüchern, die allerorts Regale in Buchhandlungen füllen, tropft die eine Frage: Wie lebe ich richtig?

Unmittelbar dahinter steht eine andere Frage: Was ist das wahre Leben? Offizieller religiöser Leitdiskurs unserer Gesellschaft ist der Atheismus. Strenger Atheismus behauptet, dass es nur ein Leben gebe: Dieses hier. Da nichts davor und nichts danach liegt, ist das gegenwärtige Leben alles, was man hat und muss sorgfältig gehütet werden. Daher schallt es dem Richtig-Lebend-Wollenden durch die Medien vielfach verstärkt entgegen: "Lass ab von allem, was Dein Leben verkürzt!" Kein Rauchen, wohldosierte Alltagsdrogen, keine harten Drogen, Joggen, sich fit halten, Kuschel-Meditation, et cetera. Kurz: Ein langweiliges, durchschnittliches, fades, dafür aber langes und gesundes Leben führen.

Das ist das Paradox: Stellt man das diesseitige Leben absolut, ist man verleitet, es (und sich selbst) wie ein teures Stück Fleisch zu behandeln. Obwohl die Logik dessen schlüssig ist, merken wir, dass es das dennoch nicht gewesen sein kann.

Damit man das Leben intensiv, wahr, wirklich richtig lebt, darf man es nicht zu sehr schätzen. Nur durch die Bereitschaft, auf das Leben zu verzichten, holen wir das Maximum daraus hinaus. Obwohl Che Guevara sein Leben und sein Äußeres gering achtete, hat er (das leuchtet unmittelbar ein) intensiver gelebt als jeder Fit-for-Fun-e-Gutverdiener.

Das ist übrigens auch Paulus' Punkt und der Grund, warum man seine Briefe auch dann nutzbar machen kann, wenn man selbst nicht an den christlichen Gott glaubt. Das Gegenteil von Paulus (und vom wahren Leben) ist nicht Nietzsche (oder Dawkins), sondern das Nashorn: Sicher, stabil, keine natürlichen Feinde, gepanzert, unempfänglich, tot.

Sunday, August 29, 2010

Gaya und die Couch: Keine Erleuchtung

Der Atlas zeigt die Welt nicht weniger als unseren Geist; wobei Westmitteleuropa unser Alltagsbewusstsein ist. 

Wir haben wilde, libidinöse Neigungen (Spanien, Italien) und manchmal Momente von Nachdenklichkeit und Melancholie (Finnland, Island), aber im großen und ganzen folgt das Tag-Denken der Form, die Karl der Große ihm vorgab: Unser Alltagsbewusstsein ist, in die Geographie übersetzt (wie die sinnige Übersetzung der Architektur in den Tanz) Frankreich-Deutschland.

Osteuropa ist unser aller Unterbewusstsein. Wir wissen nur vages darüber, schämen uns manchmal, dass es zu uns gehört, lassen uns aber (in Abgrenzung und Affirmation) von seinen Vorgaben leiten. Der Urgroßvater aus Ostpreußen, das -ski im Nachnamen, die unaussprechlichen Gedanken, die wir mit uns herumtragen, dass uns „System of a Down“ magnetisch anzieht, obwohl wir unsere Metal-Tshirt-Zeit eigentlich überwunden haben: Um Die Länder zwischen Ural und Oder zu verstehen, brauchen wir Freund, nicht Brückner.

Je weiter wir den Globus drehen, auf desto tiefere Schichten unserer Seele stoßen wir, bis wir im fernsten Osten im buddhistischen Mönch unser innerstes Selbst, das „Herz des Herzens“ (Hegel), treffen. Nicht von ungefähr galt die Reise gen Osten seit jeher als die Reise zur spirituellen Wahrheit, während die Reise in den Westen nur schnöde Reichtümer und Massaker an der einheimischen Bevölkerung verhieß.

Doch was erwartet den Reisenden auf der Suche nach seinem Ich im fernsten Osten? Sehr reale Tempel, menschliche Priester, Steppen, alte Berge und vor allem: Keine Überraschung. Nichts, was er sich im westlichen Kuschelheim nicht schon ausgemalt hätte. Am Ende der Reise zum Selbst steht kein Ort, wartet keine neue Erkenntnis, bloß ein Platzhalter.

Denn der Kern des Selbst, das wahre Ich, ist nicht der Kern des Selbst, das wahre Ich, sondern die Reise, die Suche, die man unternimmt, um es zu finden. Letztlich ist egal, ob man die Suche abschließt oder nicht und ob man etwas findet oder nicht. Deshalb fällt es Leuten, die die Erleuchtung schließlich erreichten, so schwer, zu sagen, worin diese eigentlich bestand.